Christliche Kelten
Geschrieben von Gegendenstrom am 29. Dezember 2002 20:01:51:
Das iro-schottische Christentum
Am äußersten Rand Europas entzog sich ein naturverbundenes, freies Christentum über Jahrhunderte der Herrschaft der Romkirche. Als es auf den gesamten Kontinent auszustrahlen begann, waren seine Tage gezählt...
»Oft treten die Barden, wenn die Heere bereits gegeneinander anrücken und sich mit gezogenen Schwertern und Lanzen gegenüberstehen, vor sie in die Mitte und stimmen beide Seiten friedlich, gleich als ob sie wilde Tiere durch ihren Gesang besänftigen.« Das berichtet der griechische Historiker Diodorus im letzten Jahrhundert vor Christus über die sagenumwobenen Kelten. Als 800 Jahre später die Nachfahren der keltischen Barden, inzwischen längst von Rom unabhängige Christen geworden, in Mitteleuropa umherziehen, werden sie von Willibald (ca. 700-787), einem Schüler des Papstgesandten Bonifatius (672-754), wüst beschimpft: »Falsche Brüder sind eingedrungen, die das Volk verführten und unter dem Namen der Religion einer höchst verderblichen Sekte von Ketzern Eingang verschafften.«
Friedfertige, naturverbundene Menschen – die passten der totalitär organisierten Romkirche noch nie ins Konzept. Wer waren diese »Ketzer«, diese »falschen Landstreicher« (so Papst Zacharias), die der »Apostel der Deutschen«, der Brite Winfrid, später Bonifatius genannt, im Auftrag des Papstes so erbittert bekämpfte?
Die irischen und schottischen Christen jener Zeit waren nicht eigentlich »Ketzer«. Sie stellten die römische Kirche und den Primat des Papstes nicht offen in Frage. Dennoch verdienen sie es, in der Reihe der urchristlichen Bewegungen nicht vergessen zu werden. Denn es war den Päpsten schon immer ein Dorn im Auge, dass am äußersten Rand Europas sich ein Volk ihrer Herrschaft entzog – so wie sich die in Schottland und Irland lebenden Kelten der Unterwerfung unter das römische Imperium entzogen hatten.
Es liegt im historischen Dunkel, wann und wie genau das Christentum in Irland Einzug hielt. Fest steht lediglich, dass es ohne Gewalt geschah, ohne Verfolgungen und ohne Märtyrer. Der Sage nach erfuhren Vertreter des Keltentums von der Einverleibung des Christus durch eine Art Inspiration . Es gab aber mit Sicherheit auch einen Austausch von geistigen Ideen, etwa über Nordafrika, Spanien und Gallien – Gegenden, in denen Manichäer unten und Arianer in der Antike lebten. Die Romkirche hat später versucht, dieses keltisch inspirierte Christentum für sich zu reklamieren. So wird z.B. behauptet, der irische »Nationalheilige« Patrick (395-459) sei von Rom als Bischof eingesetzt worden. In Wirklichkeit verbreitete Patrick das Christentum in Irland, weil er in seinem Inneren durch das innere Wort dazu aufgefordert worden war: »Und eines Nachts (ich weiß es nicht, nur Gott weiß, ob es in mir oder außer mir geschah), da sprach man mich in Worten an ...«
Das keltische Christentum unterschied sich von der dogmatisch-römischen Lehre in wesentlichen Punkten:
--Es wurde dort die Freiheit des menschlichen Willens betont, im Gegensatz zur Lehre von der Vorherbestimmung des Menschen, wie sie etwa Augustinus vertreten hatte. Damit knüpften die keltischen Christen an die Auffassung des Briten Pelagius (gest. 422) an, der von der Romkirche als Ketzer verdammt worden war.
Daher wollten die Vertreter des iroschottischen Christentums die Lehre des Erlösers Christus nicht mit Waffengewalt verbreiten, wie das z.B. Bonifatius tat, sondern sie wollten durch das Beispiel der eigenen Lebensführung überzeugen.
--Die Vertreter dieses Christentums wussten, dass der Mensch die Möglichkeit hat, »durch willentliche Verwandlungskraft und Selbstüberwindung einen inneren Weg zu beschreiten, der als ‚Suche’ bildhaft ausgedrückt wurde«.*
Nach keltisch-christlicher Auffassung war Christus als Sohn Gottes auch in der Natur, in den Elementen gegenwärtig. Gott durchstrahlt mit Seinem Geist also die gesamte Natur und erhält sie am Leben. Dies wurde unter anderem dadurch ausgedrückt, dass schlichte Kreuze in der Natur aufgestellt wurden.
An den irischen Kreuzen ist zu sehen, dass hier nicht der leidende und sterbende – und damit scheinbar besiegte – Jesus dargestellt wurde, sondern der auferstandene Christus, der Überwinder der Gegensatzkräfte.
Nach Aussage des Historikers Diodoros wussten die Kelten um die Wiederverkörperung der Seele – er bezeichnete sie als »Lehre des Pythagoras«, die bei ihnen »in großem Ansehen« stehe und die besage, »dass die Menschenseelen unsterblich sind und nach einer bestimmten Anzahl von Jahren in einen anderen Körper übergehen«. Es ist zu vermuten, dass dieses Wissen auch nach der allmählichen Christianisierung Irlands nicht verloren ging – so wie auch das keltische Wissen und Sagengut nicht vernichtet, sondern in irischen Klöstern für die Nachwelt getreulich aufgezeichnet wurde. Es ist bekannt, dass die deutschen Volksmärchen oftmals spirituelle Wahrheiten in symbolischer Form beinhalten, wobei diese Autorschaft iroschottischen Mönchen zugeschrieben wird.
Die Klöster der christianisierten Kelten waren ursprünglich nicht – wie die römischen – bestimmten Orden angeschlossen oder einheitlichen Klosterregeln unterworfen, sondern sie waren selbstverwaltete »Bruderschaften«, wie auch in ganz Irland keine »römische« Kirchenstruktur existierte. Als dann einzelne Mönche nach Europa übersetzten, knüpften sie dort an die Überzeugungsarbeit der arianisch-gotischen Missionare an, die fast alle germanischen Stämme zum arianischen Christentum bekehrt hatten, die jedoch durch die Waffengewalt der katholischen Franken zum Rückzug gezwungen wurden. Wie die Arianer gestalteten auch die Iroschotten Gebetsversammlungen in der Landessprache und nicht in dem einfachen Gläubigen unverständlichen Latein, wie es die katholische Kirche vorschrieb.
Das rief nun endgültig die römische Kirche auf den Plan, die zur Eroberung des der iroschottischen »Ketzerei« verfallenden Landes blies. Bereits im 7. Jahrhundert hatte Papst Gregor I. mit Hilfe der Angeln und Sachsen, die den römischen Glauben annahmen, den keltisch-christlichen Einfluss in Britannien zurückgedrängt. Nun rief, zu Beginn des 8. Jahrhunderts, Papst Gregor II. den britischen Mönch Winfrid, später Bonifatius genannt, nach Germanien. Er sollte nicht nur – immer mit fränkischer Waffenhilfe – die »Heiden« bekehren, sondern vor allem auch die iroschottischen Mönche zur Unterwerfung zwingen oder aber vertreiben. Sowie »etwas Gegnerisches auftreten sollte«, befahl Papst Zacharias dem Bonifatius, sollte es »mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden«. Bonifatius zerstörte nicht allein »heidnische« Naturheiligtümer, sondern er ließ mit Genehmigung des Papstes auch irische Feldkreuze zerstören. Später dann, nach ihrem Sieg über die »Ketzer«, vereinnahmte die Kirche diesen Brauch: »Katholische« Wegkreuze – nun allerdings mit dem Korpus des gemarterten Jesus – gelten heute als »kirchliche Tradition« schlechthin.
Iroschottische Mönche und »Bischöfe«, von Bonifatius-Winfrid jahrelang bekämpft, verleumdet, verjagt oder in finstere Verliese eingesperrt, wurden später in katholische Heilige umgedichtet, wie der Salzburger Bischof Virgil (8. Jahrhundert), ein Ire, der von Bonifatius bekämpft und verleumdet und vom Papst wegen seiner »ketzerischen« Ansicht, dass die Erde eine Kugelgestalt habe, mit einer Vorladung nach Rom bedroht wurde.** Papst Zacharias wollte ihn auch deshalb aus der Kirche ausstoßen, weil Virgil behauptete, dass auf einem Europa gegenüber liegenden Kontinent ebenfalls Menschen lebten – möglicherweise ein Beleg für frühe keltische Kontakte nach Amerika. Virgil war allerdings zu populär, um abgesetzt zu werden, doch wurden nach ihm sofort romtreue Bischöfe eingesetzt.
An die Stelle des freien, naturverbundenen Christentums der Iren trat nun das dogmatisch geprägte, juristisch ausgefeilte römische Kirchentum, das den Menschen den Eindruck vermittelte, sie könnten durch äußere Bußübungen oder Spenden an die Kirche ihr Seelenheil erringen. Letztlich wurden dadurch die Germanen zu jenem Untertanengeist erzogen, der ihre Nachfahren noch Jahrhunderte später in den Ungeist des »Dritten Reiches« führen sollte.
Eine Wurzel des Nordirland-Konflikts
Doch auch die Heimat der »Wanderer« von der grünen Insel blieb nicht verschont: Im Jahre 1155 forderte Papst Hadrian IV., selbst englischer Abstammung, den englischen König Heinrich II. auf, Irland zu annektieren. Damit wurde nicht nur das iroschottische Christentum von der Romkirche niedergemacht, sondern es wurde durch die nachfolgende Unterdrückungspolitik der Engländer auch die Ursache gelegt für den bis heute andauernden Konfessionskrieg in Nordirland.
* Markus Osterrieder, »Sonnenkreuz und Lebensbaum«, Stuttgart 1995, S. 67
** Karlheinz Deschner, Kriminalgeschichte des Christentums, Band 4, S. 329