Der Papst kapituliert

Die Ewige Religion

Geschrieben von Gegendenstrom am 10. Februar 2003 23:29:21:

Bankrotterklärung des Papstes


In der aktuellen Ausgabe von DER SPIEGEL ( Heft 3/2003 ) ist zum Thema »Kirche« der Artikel zu lesen »Von Gott verlassen«.
Darin wird auf die Aussage des Papstes aus einer vorweihnachtlichen Ansprache Bezug genommen, in der er die Gläubigen auf eine große Tragödie hinwies:

Zitat:
>>......das Schweigen Gottes, der sich nicht mehr offenbart, der sich scheinbar eingeschlossen hat in seinem Himmel, wie angewidert vom Handeln der Menschheit.........<<

Welches Denken steckt hinter der Aussage des Papstes? Was würde geschehen, wenn er recht hätte? Ist diese Aussage die Bankrotterklärung seiner Kirche? Kapituliert der Papst?


Kenner der kirchlichen Lehre sind es gewohnt, dass sie dem gesunden Menschenverstand und den geltenden Regeln der Logik vieles zumutet – von der Jungfrauengeburt bis zur magischen Verwandlung von Brot in das Fleisch des Erlösers, von der Zeugung einer unsterblichen Seele durch sterbliche Menschen, bis hin zu der Annahme, Gott sei die Liebe, aber würde dennoch den größten Teil der Menschheit ewig verdammen. Es gab Kirchenlehrer, die aus der Not solcher Widersprüche eine Tugend machten und trotzig erklärten: »Gerade weil es absurd ist, glaube ich es.« Doch da sind offenbar immer noch Steigerungen möglich, wie jüngst der Papst und einer seiner Kardinäle bewiesen.
Absurdes »urbi et orbi”«

Ausgerechnet der Mann, der seit 25 Jahren als »Stellvertreter Gottes auf Erden« auftritt, erklärt Ende vergangenen Jahres einer in die größte Not ihrer Geschichte geratenen Menschheit: Gott schweigt. Er hat sich, angewidert vom Verhalten der Menschen, zurückgezogen und sich in Seinen Himmel eingeschlossen. Die so genannte Christenheit nahm diese Worte ohne Aufschrei hin, obwohl sie auch für gläubige Schafe der kirchlichen Herde ein Alarmsignal sein könnten, im Grunde eine Bankrotterklärung ihres obersten Führers, der als Stellvertreter eines angeblich angewiderten Gottes eigentlich abdanken müsste.

Doch um das Maß voll zu machen, meldete sich noch ein Zweiter zu Wort – Kardinal Josef Ratzinger, oberster Glaubenshüter der römisch-katholischen Institution. Ihm fiel zu Weihnachten der Gedanke ein, dass zwischen Gott und dem Menschen ein Versteckspiel stattfinde. Gott verberge sich, damit der Mensch Ihn suche und finde. Weihnachten sei gewissermaßen Sein Versteck und Ostern dann Seine Offenbarung.
Auch diese Merkwürdigkeit blieb ohne wahrnehmbaren Protest, obwohl es doch absurd ist, ausgerechnet Weihnachten, die Ankunft des Herrn, als Versteckspiel Gottes zu interpretieren. Nehmen hier die obersten Glaubensherren der römisch-katholischen Institution gewissermaßen religiöse Narrenfreiheit für sich in Anspruch?
Ist ein »Rückzug Gottes« möglich?

Wer an einen »Rückzug Gottes« denkt, verwechselt Gott offenbar mit dem bärtigen alten Mann aus Kindertagen, der gütig oder drohend kommt und geht und, wenn es sein muss, auch beleidigt ist und sich in »seinen Himmel einschließt». Diese Projektion menschlichen Verhaltens ist nicht zuletzt eine Folge kirchlicher Theologie: Sie reduziert Gott auf ein personales Wesen, das die Welt und alles, was für unsere Augen sichtbar existiert, aus dem Nichts geschaffen hat und dieser Schöpfung »gegenübersteht«. Die Vorstellung lautet: Dort ist Gott und hier sind wir mit unserem Planeten, den Mineralien, Pflanzen und Tieren - alles Dinge, die aus dem Nichts entstanden sind und nun für sich selbst existieren.

In Wirklichkeit ist Gott nicht nur Person, sondern zugleich der Allgeist, die Energie im Mikrokosmos und im Makrokosmos, der Odem allen Lebens in jeder Pflanze, jedem Tier und jedem Menschen. Wenn sich dieser Gott zurückzöge, würde alles in nichts zerfallen, weil alles nur lebt, weil es von der göttlichen Trägersubstanz am Leben erhalten wird. Gott kann sich gar nicht zurückziehen, weil Er allgegenwärtig ist. Die Materie ist nicht aus dem Nichts entstanden, sondern im Laufe des Fallgeschehens als heruntertransformierter Geist, als ein abgespaltener Teil der reinen Himmel.

Allzumenschlich, um nicht zu sagen besonders infantil ist auch die Vorstellung, Gott würde sich gar »angewidert« zurückziehen. Der Vater-Mutter-Gott als die Manifestation des Allgeistes kann gar nicht beleidigt oder angewidert sein. Das Absolute ist von der Relativität irdischer Ursachen und Wirkungen frei. Gott hat nicht die Türen verrammelt, um sich schmollend einzuschließen, sondern die Menschheit hat sich vor Ihm verbarrikadiert und Seine Gegenwart aus dem Bewusstsein verloren. Anstatt den Rückzug Gottes zu beklagen, müsste der Papst seine Kirche anklagen, die Gott den Menschen verleidet hat – durch ihre blutige Geschichte, durch ihre absurde Theologie, durch ihre Verdammungsurteile, durch ihren täglichen Verrat an der Bergpredigt Jesu. Wo ist die Kirche, die ihre Reichtümer an die Armen verteilt, um den Hunger der Welt zu stillen? Wo ist die Kirche, die Kriege nicht nur von Fall zu Fall, sondern ein für allemal verurteilt, wie es Jesus von Nazareth tat, als Er jeden warnte, zum Schwert zu greifen, um nicht durch das Schwert umzukommen? Es ist eine verkehrte Welt, wenn der Papst ausruft: »Schlimmer als Schwert und Hunger ist das Schweigen Gottes!« Gerade weil seine Institution stets mit dem Schwert aufs Engste verbunden war, wurde die Menschheit der Gegenwart Gottes entfremdet, was nunmehr als »Schweigen Gottes« missverstanden wird.







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