Re: Die "Zehn berüchtigten Verfolgungen der Christen"
Geschrieben von Ahmet am 15. Juni 2005 21:43:06:
Als Antwort auf: Die "Zehn berüchtigten Verfolgungen der Christen" geschrieben von Cemil Kaya am 13. Juni 2005 11:35:26:
Hallo Cemil,
Cemil: Wie ihr wißt, wurden die ersten Christen bis zur Zeit Konstantins des Großen von verschiedenen Kaisern verfolgt. Meine Frage lautet nun, ob die im Titel zu lesende Aussage euch bekannt und in der Geschichts- oder Religionsbüchern zu finden ist.
Ich habe einige Lexika und Enzyklopädien durchstöbert, aber den Begriff „berüchtigt“ oder an der Zahl „Zehn“ ist mir nirgends aufgefallen.
Im u. a. Knaurs Religionsführer konnte ich nachlesen, dass die Christenverfolgungen eigentlich nie ein Ende fanden. Auf die römischen Christenverfolgungen folgten nach Konstantin die Häresiestrafen, was wiederum meist Christen betraf, welche sich aber nicht dem römischen Christentum unterwarfen. Unten sind einige erwähnt. Der Text ist auch wegen der anderen historischen Tatsachen sehr interessant.
Gruss
Ahmet
Ergebnisse der Historischen Forschung (Knaurs Grosser Religionsführer)
Dass Jesus Christus eine historische Persönlichkeit war, gilt heute allgemein als gesichert. Seine Geburt wird von den meisten Historikern auf die ersten Jahre vor Beginn der Zeitrechnung datiert, sein Tod auf das Jahr 30. Die Zeugnisse über Jesus zeigen, dass er als jüdischer Wanderprediger in Palästina gewirkt hat. Er wurde dabei nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen begleitet. Das sorgte in der streng patriarchalischen jüdischen Gesellschaft für großes Aufsehen. Er predigte den baldigen Beginn der Herrschaft Gottes auf Erden und die Errettung der Menschen durch sich als Vermittler dieser Errettung. Obwohl er immer wieder gegen das jüdische Gesetz der Pharisäer verstieß und häufig Umgang mit Randgruppen der Gesellschaft hatte, gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass er eine neue Religion gründen wollte. Er erließ keine neuen Gebote, sondern berief sich immer auf die alten jüdischen Gesetze der Thora.
Obwohl es damals noch nicht Christen im heutigen Sinne waren, spricht man historisch von Christen, wenn die Urgemeinde bzw. Jesu- Anhänger bezeichnet werden. Historisch hat sich das Christentum erst im 3. Jahrhundert vom jüdischen Glauben gelöst und ist von einer der zahlreichen jüdischen Sekten des Nahen Ostens herausgetreten und 312 n. Chr. bestätigend durch das Konzil von Nicäa zu einer eigenen Religion geworden.
Bis dahin waren Christenverfolgungen, meist gewaltsame Maßnahmen von Herrschern des Römischen Reiches, um jene jüdische Sekte (Ur-Gemeinde) zurückzudrängen, zu unterdrücken oder zu beseitigen, welche Jesus als Prophet oder Messias verstand. Aber nicht nur Jesus-Anhänger, sondern auch zahlreiche andere jüdische Sekten wurden verfolgt. Ausgelöst wurden die Verfolgungen u. a. durch die Weigerung, den römischen Staatsgöttern und den Kaisern zu opfern.
Die erste systematische Christenverfolgung fand im Jahr 64 n. Chr. unter Kaiser Nero statt (der Brand von Rom am 18./19. Juli 64 wurde den Christen zur Last gelegt), gefolgt von derjenigen unter Domitian in Rom und Kleinasien. Dennoch konnten sich die Christen im 1. Jahrhundert n. Chr. – im Schutz der jüdischen Privilegien – ausbreiten. Erstmals schriftlich festgehalten wurden die Verfolgungen unter dem römischen Kaiser Trajan in seinem Briefwechsel während der Jahre 111 bis 113 n. Chr. mit Plinius dem Jüngeren; demnach sollten die Christen zwar nicht anonym verurteilt werden können, aber die christliche Religion wurde als unerlaubt unter Strafe gestellt. 202 erließ Kaiser Severus ein Edikt, das den Übertritt zum christlichen Glauben verbot. Umfangreiche Christenverfolgungen fanden weiterhin unter Decius (250), Valerian (257) sowie während der Regierungszeit Diokletians (284-305) auf Grundlage von vier Edikten statt. 311 erließ Kaiser Galerius, nachdem er zuvor an rigorosen Christenverfolgungen beteiligt gewesen war, ein Toleranzedikt, in welchem den Christen Religionsfreiheit gewährt und das Christentum als staatstragende Religion anerkannt wurde. Konstantin der Große bemühte sich seit 313 (Mailänder Edikte) um die Anerkennung der christlichen Religion; doch kam es auch in der Folgezeit weiterhin zu Christenverfolgungen bzw. Häresie, wie es später weitergeführt wurde.
Als das Christentum im römischen Kaiserreich zur Staatsreligion avancierte, galt Häresie als Verbrechen gegen den Staat. Dementsprechend wurde sie nach weltlichem Gesetz bestraft. Das Christentum verwendete den Begriff der Häresie im abfälligen Sinn für einen Glauben, der zu den Konzilen und daraus resultierenden Kirchenlehren in Widerspruch stand.