Re: Verzeiflung - Imanuel Kant - Selbstbeobachtung
Geschrieben von Peter am 03. Dezember 2002 10:48:31:
Als Antwort auf: Verzeiflung - Imanuel Kant - Selbstbeobachtung geschrieben von elcappuccino am 01. Dezember 2002 15:04:11:
Hallo, Cappucciono,
Dein Posting wirft viele Fragen auf, und ich will versuchen, darauf aus meiner Sicht zu antworten.
>>Ich finde, man MUSS sich ein Bild und ein Wort von Gott machen, um
>>nicht zu verzweifeln.
>Diese Aussage, ohne die ganze Herleitung, die zu ihr führte, würde
>manchen in Rage versetzen. Sie ist so absolut und dezidiert.
Da hast Du Recht. Ich hätte schreiben müssen: "Ich habe erfahren, daß ICH mir ein Bild machen MUSS, usw."
>Dennoch sind zwei Dinge darin, denen wir genauer zuhören müssen:
>Wir müssen....
>Das kann heissen, wir müssen gegen unsere Neigung oder
>wir müssen, weil wir von Natur aus so gerartet sind, dass wir nicht
>anders können, im gleichen Masse etwa, wie das Fallgesetz auf uns
>zutrifft.
Ja, diese Lesarten sind korrekt. Ich wollte dieses "müssen" aber als eine absolute Not-Wendigkeit verstanden wissen, die einzige, die uns (oder besser: mich!) aus der Verzweiflung, die Leben mit sich bringt, herausholen konnte. Auch als ich alle "äußeren" und "inneren" Bedingungen meines Lebens "geregelt" hatte, war da noch eine große Unbekannte, die mir Angst machte: Der Tod. Meine Sterblichkeit hat mich in solche Verzweilfungen geführt, daß ich kaum noch lebensfähig war. Erst meine Hinwendung zu etwas "Höherem", das ich erst im Laufe der Zeit "Gott" nennen konnte, hat dieser Verzweiflung ein STOP gemacht, und zwar in dem Augenblick, als ich mir BILDLICH vorstellen konnte, daß dieses "Höhere" ein "geborgenheitsgebender Vater" sein kann. Insofern "mußte" ich diese Bilder haben/machen, um glauben (und das heißt für mich: um leben) zu können.
>Wir haben also ein "MÜSSEN" in uns, gegen welches der Verstand
>arbeitet (wenn wir seine Aufmerksamkeit darauf richten).
Das ist sicher richtig!!! Und deckt sich auch mit meiner o.g. Erfahrung, denn mein Verstand war nicht nur gegen die Verbildlichung, sondern auch dagegen, daß ich an Gott glaube!!! Von meinem Studium her bin ich eher ein "Rationalist" und habe mich "mit Händen und Füßen" gegen das "Glauben-Müssen" gewehrt (wobei ich dieses Glauben-Müssen aus mir kommend verstehe, nicht als von außen. Kirchliche oder gesellschaftliche Zwänge, glauben zu "müssen", habe ich immer abgelehnt und lehne sie nach wie vor ab. Aber in mir war "der Glaube", der immer mehr sein "Recht" forderte, insofern war es ein inneres Müssen).
>....um nicht zu verzweifeln...
>klingt sehr emotional.
Das WAR auch emotional!!! ;-) Ich war zweimal dem Tod sehr nahe, und da bin ich fast verrückt geworden vor Angst und Verzweiflung.
>Ich würde sagen, es gibt noch ganz andere Gründe, warum wir das
>machen.
Natürlich, da bin ich auch sicher. Vielleicht gibt es sogar so viele Gründe wie es Menschen gibt, ich weiß es nicht. Aber ich glaube, das "Verbildlichenwollen" ist auch irgendwie/irgendwo im Menschen angelegt, wobei ich das aber jetzt nicht begründen kann, da ich kein Hirnbiologe bin.
>Wir existieren im Wandel. Darüber kann man verzweifeln.
Ja. Und darüber, daß wir "in der Endlichkeit" existieren. Zumindest war und ist das für mich die Große Unbekannte gewesen, die mich zum Glauben zurückgeführt hat.
Dein Bild von dem Denker, der ein Buch publiziert und durch einen kleinen Gedanken "aus der Fassung" (bildlich!) gebracht wird, ist sehr gut!!! Ich kenne solche verzweifelte Krisen von vielen großen Denkern und Künstlern. Oft bringen sich solche Verzweifelten um, oft machen sie sich aber auf den Weg der Gottessuche (oder Sinnsuche), wobei sie oftmals sogar in ihrer Kreativität ungeahnte Höhen erreichen (sie "ver-bild-lichen" dann inform von Bildern, Gedichten, Skulpturen, Musik).
>Unsere Angst ist, dass unsere Gedanken letztlich das absurde in sich
>haben. Während wir in der Welt mit dem Intellekt arbeiten. Ja wir
>müssen, von Natur aus, Bilder machen, und fürchten uns aber gerade
>vor diesen Bildern.
Weil es sowohl Urbilder sein können (die oft Angst machen!) oder aber Irrbilder, im "schlimmsten" Fall (;-)) Wahrbilder (nicht "Wahnbilder" WahRbilder, ist kein Tippfehler).
>Und hier steht es wieder, unser Trost inmitten des Vorgangs, dass
>gerade jenes Wort in seiner Ursubstanz, das alles testet was es lieb
>hat, vor Gott war.
>Johannes nennt es Logos, was ein umfassender Begriff ist, der mehr
>ist als Bild, Wort, Gedanke, Idee....
>Im Anfang war das Wort
>Und das Wort war vor Gott
>Und das Wort war Gott
Ich finde es schön, daß Du mehrfach das Johannes-Evangelium zitierst, es ist mein Lieblings-Evangelium, sofern man das so sagen kann. Es ist für mich das mystischste, das "freiheitlichste", weil er vieles verbildlicht!!! So auch das Licht, alas das Jesus unter uns gewohnt hat. Wort und Licht, beide haben auch mit Verbildlichung zu tun...
>Und all unser Denken dient letztlich dieser Erfahrung, damit die
>Urangst ihren Trost findet.
GANZ GENAU!!! Genau das ist der Punkt.
------------------------
>Imanuel Kant hat zuerst das Erkentnisproblem ausführlich durchdacht.
>Er kam zum Schluss: selbst wenn wir Gott weder beweisen noch
>widerlegen können, ist unsere praktische Vernunft, weil sie mit dem
>Ebenbildlichen arbeitet, geeeignet, Gebote zu finden.
>Das heisst: Die Gebote (zum Beispiel die Zehn) entstammen nicht von
>Gott selbst in ihrer Formulierung, sondern entsprechen der Entfaltung
>aus unserer praktischen Vernunft, welche uns täglich vor Augen führt:
>was du nicht willst, das man dir tue, das füge auch keinem anderen
>zu.
Ein interessanter Gedanke, zu dem ich aber nicht sehr viel sagen kann, weil ich mich nie mit Kant auseinandergesetzt habe. Aber ich kann diesen Gedanken gut nachdenken und denke, daß es so ist.
>Gott hat uns also durchaus ein geeignetes Instrument gegeben, welches
>seinen Urwille transzendiert. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.
>Er sagt dies nicht, sondern wir finden es. Wir finden es letztlich,
>indem wir unser eigenes Denken im Leben verstehen lernen.
Wozu wir allerdings bereit und offen sein müssen. Diese Offenheit suche ich auch bei religiösen Menschen oft vergeblich. Und in der sekularen Gesellschaft noch vergeblicher: Ellenbogen statt Liebe, Haben statt Sein.
***
Deine Ausführungen zu dem Bild "Peter" sind sehr interessant, allerdings möchte ich mich inhaltlich nicht dazu äußern, da ich sowieso schon viel zu viel hier in diesem Forum von mir offenbare. Ich mag ungern "identifizierbar" sein, und schon gar nicht in Religionsforen, denn da habe ich schon Unangenehmes erlebt, allerdings noch Unangenehmeres in Atheismusforen. ;-)
Allerdings: Ich versuche zwar, gewisse Dinge, die mich identifizieren könnten, zu vermeiden, was aber nicht bedeutet, daß ich nich authentisch wäre. Insofern ist Dein zwischen-den-Zeilen-Lesen interessant und bringt Wahrheiten zutage.
Und auf Gottes Wort übertragen: Es scheint mir oft besser und hilfreicher, vielleicht sogar "wahrer", zwischen den Zeilen zu lesen anstatt die Bibel "wörtlich" zu nehmen...
Ich wünsche Dir eine angenehme Woche und sende viele Grüße
Peter
Tippfehler bitte ich zu übersehen, der Text wurde länger als geplant, und ich muß zur Bushaltestelle ;-)