Die Katharer: Das Gute durch das eigene Leben bezeugen
Geschrieben von Gegendenstrom am 19. März 2003 09:45:24:
Urchristliches Leben durch die Jahrhunderte - im Gegensatz zum Kirchentum -Beispiele:
"Zwei Frauen, die allein unterwegs waren – das erregte Verdacht. Sie wurden aufgegriffen, verhört und – überführt: Als man sie aufforderte, ein rasch herbeigebrachtes Huhn zu töten, weigerten sie sich. Ehe die Katharerinnen Séréna und Agnès de Châteauverdun auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden, verlangten sie als letzte Bitte nach frischem Wasser, um sich die Gesichter waschen zu können, die sie zur Tarnung geschminkt hatten. Sie wollten nicht so »bemalt« vor ihren Herrn treten."
Mit »größter Freude« verbrannt
Diese Episode spielte sich zu einer Zeit ab, als der Ketzerkreuzzug (1209-29) des Papstes gegen die Katharer längst beendet, als auch die berühmte Ketzerburg Montségur schon gefallen war (1244). Das einst so freie und tolerante Okzitanien war unterworfen und Frankreich einverleibt; Inquisitoren durchkämmten nun systematisch Dorf um Dorf, Straße um Straße, Haus um Haus, um die letzten versprengten Katharer aufzuspüren.
Sie werden von den Häschern des Papstes »mit größter Freude« ermordet – wie die 400 Katharer, die Anfang Mai 1211 in dem Pyrenäendorf Lavaur verbrannt werden, nachdem sie das katholische Ave Maria nicht hersagen konnten. Die schwangere Donna Geralda, Katharerin und Schlossherrin in dem »Ketzernest«, wird in einen Brunnen gestoßen und mit Steinen beworfen, bis man ihr Wimmern nicht mehr hört. Ihr Bruder Améric von Montreal wird mit 80 Rittern, Edelleuten und Troubadouren zum Richtplatz geführt. Améric wird als erster gehängt – doch der für 80 Verurteilte errichtete Riesengalgen bricht schon unter der ersten Last zusammen. Die Zimmerleute haben schlecht gearbeitet. Simon von Montfort, der Oberbefehlshaber des vom Papst angeordneten Ketzerkreuzzugs, hat keine Zeit zu verlieren: Er lässt die Ritter abstechen.
Wer sind diese Menschen, gegen die solche Grausamkeiten verübt werden? Wer sind sie, die niemanden gleichgültig ließen? Der »heilige« Bernhard von Clairvaux (1091-1153) rief gegen sie zum Völkermord auf: »So also, meine Teuren, verfolgt sie, ergreift sie und zögert nicht, sie alle umkommen zu lassen!« Doch selbst er musste zugeben, »dass es nichts Christlicheres gebe als diese Häretiker; was ihre Unterhaltung angehe, so könne nichts Tadelnswertes gefunden werden, und mit ihren Worten stimmten auch ihre Taten überein. Was die Sittlichkeit der Ketzer anbelange, so betrügen und bedrückten sie keinen, ihre Wangen seien bleich vom Fasten, und mit ihren Händen arbeiteten sie für ihren Lebensunterhalt.«* Tatsächlich wurden viele Katholiken für Ketzer gehalten, wenn sie zu blass aussahen – und Johann Teisseire aus Toulouse musste, um einer Verurteilung als Häretiker zu entgehen, den Eid leisten: »Ich bin kein Ketzer, denn ich habe eine Frau und schlafe bei ihr, ich habe Kinder und esse Fleisch, ich lüge, schwöre und bin ein gläubiger Christ, so wahr mir Gott helfe!«
Die Katharer erhielten vor allem in Südfrankreich großen Zulauf, wo ein freies, tolerantes Klima eine kulturelle Blüte ermöglichte. Die Troubadoure (die »Finder«) konnten sich auf literarischem Gebiet ebenso entfalten wie die katharischen Wanderprediger auf religiösem Terrain. Die einfache Lebensweise und der sittliche Ernst der Katharer überzeugte das Volk mehr als die Prasserei und Verderbtheit eines großen Teils des römischen Klerus. Auch wenn die herrschenden Ritter, Grafen und Fürsten selbst keine Katharer wurden (als solche hätten sie die Waffen niederlegen müssen), so schlossen sich häufig ihre Frauen oder Töchter dieser Bewegung an. Viele Ritter waren empört über die Einmischung des Papstes in die freie Lebensart des Südens und versuchten, ihre politische und religiöse Freiheit gegen den Machtanspruch Roms zu verteidigen, der sich mit den Eroberungsgelüsten des französischen Herrschers in Paris liiert hatte. Der Kreuzzug gegen die Katharer war also ein religiöser und ein politischer Feldzug – der Süden Frankreichs verlor am Ende beide.
Doch ehe die Kirche zu diesem letzten Mittel der Vernichtung griff, konnte sich das Katharertum einige Jahrzehnte unter dem Schutz seiner toleranten Herrscher entfalten. Die »Albigenser«, wie man sie nach einem ihrer Hauptorte, der Stadt Albi, auch nannte, teilten sich in drei Gruppen: An der Spitze standen die parfaits, die »Vollkommenen« – vermutlich nur wenige hundert Männer und Frauen, die sich ganz in den Dienst der Verbreitung dieser Lehre stellten und auch zölibatär lebten. Sie trugen weiße Gewänder als Sinnbild des Strebens nach absoluter Reinheit in Gedanken, Worten und Taten. Die Gemeinde im engeren Sinne bildeten die croyants, die »Gläubigen«. Sie trugen in der Regel schwarze Gewänder – um damit zum Ausdruck zu bringen, dass ihre Seele zwar im Körper »eingesperrt« war, aber diese Welt nicht als ihre Heimat betrachtete. Die Gläubigen lebten zum Teil in der Ehe und hatten Kinder, um weiteren Seelen die Möglichkeit zur Inkarnation zu geben – denn die Katharer glaubten, wie die ersten Christen, an die Reinkarnation. Die dritte Gruppe bildeten – wie bei den Bogumilen – die auditores, die »Hörer«, die man heute als »Sympathisanten« bezeichnen würde.
Die Katharer führten ein einfaches Leben, ernährten sich von ihrer Hände Arbeit, oft als Zimmerleute oder Weber. Viele der Frauen der Katharer kannten sich mit Heilkräutern und Nutzpflanzen aus. Sie bauten keine Kirchen, sondern trafen sich in der freien Natur oder in Höhlen, um gemeinsam zu beten oder über das Evangelium zu sprechen. Liturgische Rituale waren für sie ein »leeres, nichtiges Schauspiel«. Anstelle des liturgischen »Opfermahls« der katholischen Kirche hielten sie ein feierliches gemeinsames Mahl, ähnlich dem »Liebesmahl« der Urkirche. Häufig beteten sie das Vaterunser, wobei sie allerdings nicht vom irdischen sondern vom »geistigen« Brot (pain suprasubstantiel) sprachen. Sie lehnten Kreuze mit Corpus ebenso ab wie die Fleischnahrung, die Kindertaufe und jegliche Art von Gewalt oder Krieg. Ein häufiges Symbol war ihnen die Taube – Symbol des Friedens und auch des heiligen Geistes. Gegenüber anderen Glaubensrichtungen war Toleranz für sie selbstverständlich.
Die Welt entstand durch den Fall
Das Hauptanliegen der Katharer und der Grund für ihre ernste Grundhaltung war der Kampf gegen das Böse, das nach ihrer Überzeugung hinter der Welt mit ihren Kriegen und Schlechtigkeiten aller Art stand und alle äußere Materie durchdrang. Das Böse musste zunächst jedoch im Herzen jedes einzelnen selbst erkannt und bekämpft werden durch den Weg der inneren Reinigung. Nach dem Glauben der Katharer konnte Gott die Welt unmöglich so geschaffen haben, wie sie ist - sie ist vielmehr eine Folge des Abfalls von Gott vor langer Zeit. Wie dies genau vor sich gegangen war, darüber entstanden allerdings im Laufe der Zeit unterschiedliche Ansichten. Wie bei den Bogumilen und Paulikianern gab es auch bei den Katharern »gemäßigte« und »radikale Dualisten«: Während die Radikalen meinten, der »böse Gott« habe schon immer bestanden, waren die »Gemäßigten« der Ansicht, dass das Böse nur eine »Abspaltung« vom guten Gott ist. Ein Großteil der südfranzösischen Katharer neigte Ende des 12. Jahrhunderts nach dem Besuch eines Gesandten der »radikalen« albanischen Bogumilenkirche offenbar mehr zur »radikalen« Denkrichtung, das Böse habe immer schon bestanden. Solche Meinungsverschiedenheiten gab es in vielen Bewegungen. Dabei ließen sich einige der Katharer zu Diskussionen und sogar gegenseitigen Verfluchungen hinreißen, was die Bewegung möglicherweise noch angreifbarer machte, als sie es durch Roms Vernichtungswillen ohnehin schon war.
Ideen kann man nicht ermorden
Das schmälert aber nicht den unglaublichen Mut, mit dem Hunderte von Katharern, keineswegs nur die parfaits, nach Augenzeugenberichten ohne Klagen und Angst, ja teilweise sogar freudig singend in den Tod gingen. War ihnen dies möglich, weil die Welt mit ihren Verlockungen und Verstrickungen für sie bereits vorher »gestorben«, also überwunden war? Weil sie mit ganzer Seele auf die geistige Welt bezogen waren und von dort in einer Weise Kraft und Trost empfingen, die für Außenstehende nicht nachvollziehbar war?
Die römische Kirche hat jedenfalls wegen dieser todesmutigen Katharer die systematische Inquisition eingeführt. Und sie hat nicht nur einen grausamen Vernichtungskrieg gegen sie (und gegen das gesamte südliche Frankreich) vom Zaun gebrochen – sie hat die Vernichtung und Ausrottung Andersgläubiger auch durch Päpste und Heilige (wie Bernhard von Clairvaux oder Thomas von Aquin) ideologisch »rechtfertigen« lassen. Damit verlor sie jedoch ihre letzte Glaubwürdigkeit. »In diesem Sinne kann man sagen, dass die Häresie der Kirche einen Schlag versetzt hatte, von dem sich diese nicht wieder erholen sollte.«**
Der Katharismus überlebte die Katastrophe von Montségur noch um einige Zeit. Denn man hatte rechtzeitig einige Parfaits aus der belagerten Festung hinausgeschleust – was später wohl zu der Legende geführt hat, man hätte einen »Schatz« in Sicherheit gebracht. Doch die Dominikaner und andere Inquisitoren hetzten sie mit Hunden durch Wälder und Höhlen der Pyrenäen, mauerten die letzten einige Jahrzehnte später in einer Höhle lebendig ein. Immerhin: Noch im 14. Jahrhundert gab es versprengte Katharer in Sizilien.
Wesentlicher noch als das sichtbare Fortwirken der katharischen Bewegung ist der untergründige Strom, der unaufhaltsam weiterfließt. Man kann zwar die Menschen töten, doch das geistige Potenzial, das sie aufgebaut und vermehrt haben, bleibt erhalten. Es speist den urchristlichen Strom, der immer wieder auftaucht und Menschen berührt. So finden sich katharische Gedanken, symbolisch verschlüsselt, in den Bildern eines Hieronymus Bosch ebenso wie in der klaren Forderung der Waldenser oder Hussiten, der mährischen Brüder oder der Täufer nach einem konsequenten, einfachen christlichen Leben. Die Hugenotten sind nicht zufällig im Stammland der Katharer, in Südfrankreich, erfolgreich, so wie ein Savonarola nicht zufällig in Florenz an die Bestrebungen der »Patarener«, wie die italienischen Katharer genannt wurden, anknüpfen konnte.
Die Katharer haben ein Zeichen gesetzt: Dass es möglich ist, für ein überirdisches Ideal einzutreten, auch wenn es äußerlich aussichtslos zu sein scheint. Dass es sich lohnt, an das Gute nicht nur zu glauben, sondern es durch das eigene Leben zu bezeugen. Dass es sinnvoll ist, für das Licht zu kämpfen und in friedlicher Weise aufzuklären. Dass die geistige Energie dieses übermenschlichen Opfergangs nicht verloren ging, zeigt sich im weiteren Verlauf der Geschichte – nicht nur in religiöser, sondern auch in politischer Hinsicht: Auch die Aufklärung des 18. Jahrhunderts hätte ohne die Katharer wohl nicht in dieser Weise stattfinden können.
* Walter Nigg, »Das Buch der Ketzer«, Zürich 1986, S. 226
** Eugen Roll, »Die Katharer«, Stuttgart, 1979, S. 238