Re: Ist ein muslimisches Europa möglich?

Die Ewige Religion

Geschrieben von Emilia am 30. März 2005 00:43:

Als Antwort auf: Re: Ist ein muslimisches Europa möglich? geschrieben von Richard am 26. März 2005 23:49:

>Hallo Emilia,
>erstens bin ich Österreicher und kann nicht feststellen, daß diese Kurse in irgend einer Weise umstritten wären. Schließlich bekennen sich drei der vier Parlamentsparteien - außer den Grünen - zu diesen durchaus nicht negativ zu sehenden Maßnahmen. Über diese Situation hinaus bekennen sich eben diese drei Parteien zu einer Erweiterung der bestehenden Regelungen, die demnächst beschlossen werden sollen. Ausnahmsweise ist das mal eine positive Leistung einer Regierung, der ich durchaus nicht wohlwollend gegenüberstehe. Auch waren aus den Reihen der Zuwanderer absolut keine Proteste zu hören ...
>Zweitens bin ich in unmittelbarer Nachbarschaft zu Räumlichkeiten eines dieser Institute, die diese Sprachkurse abhalten, beschäftigt und habe ziemlich häufigen und guten Kontakt mit den KursteilnehmerInnen. Überraschung: auch die unmittelbar Betroffenen finden die Sache im großen und ganzen positiv. Die Stimmung ist meist gut, es werden nach den Kursen Kaffeekränzchen veranstaltet, die TeilnehmerInnen bringen dazu Selbstgebackenes mit und die Stimmung ist ganz ausgezeichnet. Wenn sie sich als Leidtragende einer staatlichen Zwangsmaßnahme fühlen, dann können sie es ganz ausgezeichnet verbergen.
>Warum wird das von den Zuwanderern so positiv aufgenommen? Dazu gibts eine sehr einfache Antwort: Sie fühlen sich von diesem Staat, der nun für kürzere oder längere Zeit ihre neue Heimat werden soll, als Individuen *wahrgenommen*. Dementsprechend verhalten sie sich. Die meisten erscheinen in sehr ordentlicher Kleidung und sehen sehr gepflegt aus. Im 'Sonntagsgewand' würde man früher gesagt haben, als noch viele Menschen zur Kirche gingen.
>Ich bin sehr für eine Ausweitung dieser Maßnahmen (blödes Wort, aber dazu komm ich noch) auf einen größeren Kreis von Zuwanderern. Ich finde auch die schon durch den Ministerrat gegangene Vorlage recht gut, daß sich alle Kinder schon ein Jahr vor Schulantritt in der Schule 'vorstellen' müssen und daß hierbei über ein verpflichtendes Vorschuljahr zum Zwecke des Erwerbs von Sprachkenntnissen entschieden wird.
>Ich kann nicht verstehen, was denn daran so schlecht sein sollte, daß Menschen, die in ein anderes Land umziehen um dort längere Zeit zu arbeiten und zu leben, daß diese Menschen nicht die Sprache ihrer neuen Heimat lernen sollen? Was sollte so schlecht daran sein, daß Kinder nicht erst in der ersten Klasse Volksschule mühsam (zusammen mit dem Unterrichtsstoff!) sondern schon früher die Sprache ihrer neuen Heimat lernen sollten? Woher sollen sie sie denn lernen? Ihre Eltern werden doch nicht mit ihnen in einer Sprache sprechen, die ihnen fremd erscheint und die sie selbst nur mangelhaft beherrschen. Die sprechen nun mal die Sprache des Herkunftslandes mit ihren Kindern, das ist völlig normal. Doch in der Schule wird eben Deutsch gesprochen und es ist ganz einfach zu spät, wenn erst jetzt begonnen wird ..
>Sprache ist der Schlüssel zur Integration, zu besserem Einkommen und besserem sozialem Status. Eine Sprache zu lernen bedeutet auch Mühe, der man sich nicht sehr gerne unterzieht, vor allem dann, wenn genügend Menschen aus dem gleichen Herkunftsland beisammen sind. Parallelgesellschaften, die sich auf diese Art bilden, sind aber gar keine gute Grundlage für Integration und Karriere der zweiten Generation.
>Ich selbst habe viele Jahre im Ausland gelebt und gearbeitet. Als Vorgesetzter von einigen Dutzend Menschen war es mir immer wichtig, die lokale Sprache genügend gut zu beherrschen. Also wurde mit Volldampf gelernt, neben einem nicht gerade ganz einfachen Job. Es ist schon Erlebnis, auf das man stolz ist, wenn man das erste kompliziertere Telefonat problemlos hinter sich gebracht hat, die erste geschäftliche Verhandlung absolviert, das erste Diktat so hingebracht hat, daß der resultierende Brief halbwegs korrekt ist. Wenn man dann, wenigstens dort wo die Haufarbe stimmt, einige Stunden unerkannt als Inländer akzeptiert wird, dann ist das schon eine Feier wert.
>Es ist ja nicht so, daß die Mehrheit der Zuwanderer bzw der zweiten Generation sich nicht bemühen würden. Ich wohne seit einem Jahr in einem Wiener Gemeindebezirk, der einen besonders hohen Ausländeranteil hat und bin immer wieder überrascht, wie viele dieser Menschen ausgezeichnetes Deutsch sprechen.
>Natürlich gibts auch einen ordentlichen Teil jener, die Mitglieder der Parallelgesellschaften sind. Man lebt und arbeitet da ohne mit der 'Außenwelt' in Berührung zu sein. Man schottet sich ab, aus religiösen oder traditionellen Gründen. Wie gut, daß es das türkische oder arabische Lebensmittelgeschäft gibt, den türkischen Bäcker usw. Leider sind diese Menschen oft illegal hier und arbeiten nur in der (Groß)-Familie, bekommen nur wenig bezahlt, haben keine Chance, diesen Zuständen zu entfliehen. Da hat noch der Patriarch das Sagen, denn der verteilt das Geld und die Jobs. Wer nicht kuscht, der kann sich gleich aufhängen. Das gilt natürlich auch für die weiblichen Familienmitglieder jeden Alters. Wenn der Patriarch 'Kopftuch!' verordnet, dann wird Kopftuch getragen, keine Diskussion. Geprügelt wird heftig in solch sozialer Umgebung. Entfliehen ist nicht - keine Sprachkenntnisse um auf eigenen Beinen zu stehen. Leider sind oft auch die aufenthaltstechnischen Voraussetzungen für eine unabhängige Existenz nicht erfüllt.
>Letztlich fände ich es wichtig, daß man den Zuwanderern 'Staatsbürgerschaftskunde' beibringt. Viele Dummheiten würden bei Kenntnis der Gesetze des Aufenthaltslandes nicht passieren. Diese Menschen würden sich ja sehr bemühen - wenn sie nur wüßten, worauf sie achten müssen! In der Türkei mag es kein Problem sein, wenn die Ehefrau oder die Tochter mit gebrochenem Nasenbein im Spital auftaucht. Hier gibts großes Erstaunen darüber, daß gleich eine Anzeige gemacht wird, die Polizei kommt, daß man vor dem Richter steht. Ditto die Ehrenmorde, Kindesmißbrauch usw. Auch die Vorstellungen, was denn Demokratie sei, ist eher negativ geprägt, denn in den islamisch geprägten Parallelgesellschaften wird Demokratie meist abschätzig gesehen. Sogar nachlesen konnte man das längere Zeit auf der Homepage des Muslim-Marktes, wo von 'Demokratur' die Rede war. Der Aufsatz strotzte nur so von wilder Unkenntnis der Grundlagen mitteleuropäischer Demokratien. Nur eine Art Staatsbürgerschaftsunterricht kann hier Abhilfe schaffen und unseren neuen Mitbürgern den Unterschied zwischen Demokratie und Regime oder Gottesstaat verdeutlichen. Vielleicht würde das auch zu regerer Teilnahme am politischen Leben führen, was ja nicht schlecht wäre und zur Ausräumung so mancher Mißverständnisse führen könnte ...
>Schönen Abend!
>Richard


Hallo Richard!

Zwar haben wir festgestellt, daß wir beide in Österreich leben, trotzdem
kann ich Deine Meinung nicht teilen.

Sprache kann ein Schlüssel zu Integration sein, aber Kommunikation beinhaltet
mehr als nur eine (Leit)sprache.
Das es in Ö bezügl. der Deutschkurse keine Proteste gab ist unrichtig.
Ich denke an Vereine wie d. Wr.Integrationshaus, Zara, Echo, Sprachenrechte
und auch an die Sendung Heimat - fremde Heimat, die d. gesetzl. Regelungen
kritisierten.

Bedenklich dabei sehe ich die Verwaltungspraxis dieser Kurse, denn
"der Erfolg" wird von Beamten beurteilt, oft ohne Berücksichtigung der indivi-
duellen Lebensumstände.
Von so einer pers. Beurteilung hängt eine Aufenthaltbewilligung bzw. eine
Staatsbürgerschaft ab.
Ich bin absolut für die Förderung v. Sprache, aber es gibt einen Unterschied
zwischen kontrollieren u. selektieren oder fördern und ermutigen.

Integration ist ein vielschichtiger Prozess und die Dinge hängen oft miteinander zusammen. Da hilft auch kein Staatsbürgerk.-Unterricht, wenn
die Rahmenbedingungen nicht stimmen.
Ich arbeite selbst im integrationspädag. Bereich (mit Kindern) und kenne
die Situationan den Schulen (speziell in Wien), die auf Grund von Sparmaßnahmen gute
und bewährte pädag. Konzepte abgebaut haben,und jetzt völlig unzureichend
auf Bedürfnisse und Entwicklungen eingehen.
Die fehlenden Sprachkenntnisse sind dabei nicht das einzige Problem.

So wie Du die Unkenntnis muslim. Organisationen über mitteleurop. Demokratien
kritisierst, halte ich Deine Aussage, "d. es in der Türkei kein Problem
sein mag, wenn Ehefrau/Tochter mit gebrochenen Nasenbein im Spital auftaucht,"
für sehr unreflektiert.
Das Interesse u.d. Anteilnahme am politischen Geschehen eines Landes steigt
mit der Mitbestimmung, auch eine Form des gegenseitigen Respekts.

Grüße Emilia







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