Re: OSHO-Sekte
Geschrieben von Nina am 27. Dezember 2000 12:13:05:
Als Antwort auf: Re: OSHO-Sekte geschrieben von Norbert am 25. Dezember 2000 21:31:52:
Hallo Norbert,
>Was ist überhaupt eine Sekte?
>Ich definiere eine Sekte als eine Gruppierung, welche den einzelnen
>fremd bestimmt oder konditioniert, der einzelne bewegt sich nun von sich selber weg, irgend wo anders hin.
Naja. da hast du irgendwie schon recht. Andererseits glaube ich nicht, dass eine völlige Fremdbestimmung möglich ist. Der einzelne hat eigentlich bei jeder gruppierung immer noch die Möglichkeit sich zu entscheiden, auszuseteigen, sich Hilfe zu holen, gar nicht erst hinzugehen etc. Die Abgrenzung zwischen Sekte und Religion ist daher immer nur graduell möglich und gerade deshalb so schwierig.
>Eine Religiöse Bewegung hingegen, ist für mich eine Gruppe von Menschen - oder auch ein einzelner - welcher einem hilft (soweit das möglich ist) sich selber zu verstehen, seine Fremdbestimmungen zu begreifen.
Das gilt sicher für kaum eine der grossen Religionen. In jeder gibt es immer auch Verhaltensregeln, also Fremdbestimmung. Nicht zuletzt der Gruppendruck führt (wie auch bei den Sekten) dazu, dass man nie völlig selbstbestimmt sein wird. Also entscheidet wieder der Grad an Selbst- bzw. Fremdbestimmung.
>Für mich persönlich ist unsere Gesellschaft die größte, einflussreichste und gefährlichste Sekte überhaupt, gerade weil sie unter dem Denkmantel der Normalität operiert.
Nein, das glaube ich nicht. Vielleicht ist sogar das der Unterschied. Eine Sekte versucht einseitig den Menschen zu beeinflussen. Religionen versuchen dies mehr oder weniger auch, aber tragen auch zur Reflexion der eigenen Situation bei, können emotional stabilisierend wirken etc.. In der Gesellschaft ist es aber dem einzelnen auch seinerseits möglich Einfluss zu nehmen (zumindest in einer Demokratie) und die Gesellschaft nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Die einfachste Möglichkeit hierzu sind politische Parteien, es gibt aber auch viele andere. Ausserdem leben wir in einer Gesellschaft, die auch viele alternative Lebensformen ausserhalb der "Normalität" ermöglicht. Die Einflussmöglichkeiten hier sind somit grösser als bei fast jeder Religion. Religionen haben in der Regel gewisse Glaubenssätze, die man akzeptieren kann oder man muss austreten. Im Staat ist sogar das Grundgesetz veränderbar, wenn sich eine ausreichende Mehrheit findet.
>Erich Fromm hat mal ein schönes Beispiel gebracht, wo er beschrieb (der genaue Wortlaut ist mir jetzt nicht mehr bekannt),dass er weis, das er alles das (er beschreibt unter anderem einen Mörder) auch tun könnte, würde die Geschichte des "Täters" seine Geschichte sein.
Die gesellschaft hat sicher einen Einfluss auf den einzelnen. Wenn man den einzelnen aber nur als gesellschaftlich fremdbestimmt betrachtet, kommt die Verantwortung zu kurz, die jeder für sich selbst und auch die anderen (also auch für die Geselschaft insgesamt hat). Kein noch so schweres Schicksal kann einen Mord rechtfertigen. Da können und müssen wir uns immer noch selbst entscheiden.
Ich denke also, wir könnten zwar alle diese Taten begehen, aber wir müssen nicht. Wir können uns entscheiden und das ist der Unterschied.
Viele Grüsse,
Nina