Re: Wort und Bild - Erfahrung und Verhärtung
Geschrieben von Peter am 30. November 2002 16:52:01:
Als Antwort auf: Wort und Bild - Erfahrung und Verhärtung geschrieben von elcappuccino am 29. November 2002 22:41:52:
Hallo, Cappuccino,
>Aber man kann Gott MEINEN und ERFAHREN. Also meine Erfahrung innerhalb von >Gottes Wirklichkeit....
Ja, unbedingt, das ist richtig. Ohne diese Erfahrungen könnten wir ja gar nicht wissen, daß Gott "ist". Einfach nur der Bibel oder dem Talmud oder dem Koran oder der Bhagavadgita glauben, wäre mir zu wenig. Ich muß Gott "erfahren", sonst könnte ich nicht an ihn glauben.
>Ahmed legt wert darauf, man soll sich kein Bild von Gott machen. Dennoch reden
>wir aus unseren Erfahrungen und Meinungen über Gott, und dies sind auch
>Bilder.
Ich weiß nicht, wie Ahmed das meint, er kann es ja mal posten. Überhaupt könnten mal ein paar mehr als nur wir beide hier posten, oder ist hier Urlaub "angebrochen"? ;-)
Aber davon unabhängig: ich glaube sogar, daß der Mensch Bilder braucht! Der Mensch war schon ein fühlender und denkender, BEVOR er anfing, Hochsprache zu entwickeln. Sein Ur-Medium waren (und sind!) Bilder, war Schauen, war Sehen. Ohne das kann ein Mensch nicht denken, reine Abstraktion ist selbst Mathematikern nicht möglich.
>Vielleicht berührt das Problem um das Bildnis von Gott unser eigenes Sein. Ist
>denn Erfahrung nicht immer etwas Neues? Wenn wir in Erfahrung erstarren, dem
>Meinem als "das bin Ich", dann erstarrt unser Bild, mitunter unsere Erfahrung
>von Gottes Wirklichkeit, die dann nicht mehr wirken darf, sondern sich nur
>noch als etwas Vergangenes beständig als Bild reproduzieren darf.
Ohne visuellen Fortschritt ist kein Kreativität möglich! Kreativität kommt allein aus dem Schauen und anschaulichen Denken. Selbst Einsteins hyper-theoretische Relativitätstheorie wird erst verstehbar durch Anschauungsversuche.
>Ist es nicht dasselbe mit den Ismen, dass sie erstarrt sind, sich selbst
>permanent wiederholen in Dogmen und Statuten? Ist das Problem mit dem Bild das
>Bild selbst, oder das erstarren des Bildes, das damit tot wird?
Ich denke, der größte Fehler der Ismen ist, daß sie ihre Bilder für die Wahrheit nehmen. Diese Bilder sind aber nur Abbildungen der Wahrheit, nie die Wahrheit selbst, sie sind nur "Spiegelungen" der Wahrheit, und nichts und niemand kann diese Wahrheiten in ein Bild packen. Aber genau das versuchen die Ismen.
>Gott schuf den Menschen nach seinem Bildnis.
Auch das ist meiner Meinung nach nur ein Bild, um den DIREKTEN und unlösbaren bezug zwischen Gott und Mensch anschaulich machen zu können.
>Wir können nicht über Gott reden, ohne dass wir Symbole, Bilder und
>Vorstellungen verwenden. All unser Reden über Gott ist bildhaft,
>gleichnishaft, verhaftet in den kleinen Götzenbildchen unseres Denkens.
Ganz genau!!!
>Wie vermeiden wir Schuld, da wir doch Gott zu fassen suchen mit etwas, was ihn
>nicht fassen kann? Wir können es nicht. Permanent sind wir versucht. Es
>heisst, man soll sich kein Bild von Gott machen. Könnte es aber nicht auch
>heissen: man soll sich kein Wort von Gott machen?
Ich finde, man MUSS sich ein Bild und ein Wort von Gott machen, um nicht zu verzweifeln. Ich glaube ganz fest daran, daß man kaum "glauben" könnte, ohne diese Verbildlichung und Verwortung des Unnennbaren. Zwar sind dies alles nur "Versuche", weil unser dreidimensional denkendes Hirn einfach die Polydimensionalität des Gottesproblems gar nicht raffen würde, aber ich halte das für legitim.
>Im Anfang war das Wort,
>und das Wort war bei Gott,
>und das Wort war Gott
>Mit einem solchen Dreisatz beginnt Johannes seine Botschaft, von dem Wort, das
>wir nicht begreifen.
Und dem Bild, das nie der Wahrheit entspricht. Als ich das akzeptieren konnte, daß all meine "Wahrheit" immer nur bildliche Annäherungen an "die" Wahrheit sind, und all mein Reden von Gott immer nur Umschreibungen sind, habe ich begriffen, daß Gott so und zugleich ganz anders ist, und ich konnte glauben. Ich kann das nicht anders erklären.
Liebe Grüße und einen schönen ersten Advent
Peter