sunna
Geschrieben von nour iman am 07. Februar 2005 23:51:
Als Antwort auf: Re: klaro geschrieben von Ahmet am 07. Februar 2005 19:39:45:
hallo und salâm ahmet,
>Hier frag ich Dich: Braucht es den das Wissen über das Leben Mohammeds, wenn es doch den Koran gibt?
einem hadith zufolge sagte aischa, die frau des propheten (s.a.s.), befragt nach seinem leben: "sein leben war der Koran." die gelehrten sind sich, soweit ich weiss, darueber einig, dass sie damit meinte, dass das leben des gesandten voll und ganz mit den lehren des Koran uebereinstimmte. und so meine ich, und nicht nur ich alleine, dass es fuer das verstaendnis des Koran auch um das wissen des lebens des propheten bedarf.
der Koran ist, wie du weisst, voellig anders als jede andere zuvor niedergeschriebene heilige schrift. der Koran ist das einzige buch, was direkt goettlichen willen wiedergibt. in der bibel ist es immer anders: einem propheten werden nachrichten ueberbracht und spaeter werden dann die geschichten von den propheten mit den nachrichten in buechern niedergeschrieben. meist geschah das einige jahrhunderte spaeter, was also zu veraenderungen im wortlaut fuehrte, weil ja sprache immer lebendig ist, wenn sie gesprochen wird.
was ich also sagen will, ist, dass ein normaler mensch kaum in der lage sein wird, Gottes worte richtig zu verstehen. es kann zu fehlinterpretationen kommen, die lehre kann regelrecht pervertiert werden. wie gesagt, normale menschen machen fehler, ob gewollt oder nicht. propheten hingegen gehoeren zu den spirituell fortgeschrittensten menschen und werden schon allein deswegen kaum eines solchen buches beduerfen. sie sind mit der lehre bereits eins. so war der Koran selber ja auch nicht fuer muhammed (s.a.s.) bestimmt sondern als beweis und wunder fuer die kleinglaeubigen, in einer sprache verfasst, die damals niemand so vollkommen sprach und versehen mit prophezeiungen, wissenschaftlichen andeutungen, die heute erst verstanden werden usw. usf..
hinzu kommen all die kleinen religioesen verpflichtungen, die im Koran zwar gefordert werden, deren genaue form aber erst durch die sunna bekannt wird. nimm die form oder die zeiten des gebets. das steht nicht im Koran. wie wird gefastet? steht auch nicht drin. wieviel zakat? tja.
auch steht im Koran: "Gehorchet Allah und Seinem Gesandten!"
wie kannst du einer solchen aufforderung nachkommen, wenn du vom leben des propheten (s.a.s.) nichts weisst?
zur thematik empfehle ich das buch "die sunna" von 'abd al hafidh wentzel (isbn: 3-927606-32-4).
>Hast Du die Evangelien und die Thora gelesen?
ja, habe ich. und ich sage dir hier, dass die qualitaet und sicherheit der ueberlieferungsketten tausender hadith, welche das leben des propheten und damit indirekt den Koran, erklaeren, viel hoeher ist, als es bei thora und evangelium der fall ist. mit anderen worten, die wahrscheinlichkeit, dass du wahrheit in einem hadith liest, ist ungleich hoeher. die muslime, welche erstmal anfingen sammlungen ueber die aussprueche und taten des propheten (s.a.s.) zu sammeln, brachten gleichzeitig einen neuen wissenschaftszweig zur vollen bluete mit ihrer akribie der ueberpruefung auf wahrhaftigkeit jedes einzelnen gliedes in der ueberlieferungskette. und so entstanden dann die verschiedenen abstufungen von gesund (also sehr vertrauenswuerdig) bis zweifelhaft. wuerde man diese kriterien uebrigens auf die evangelien anwenden, wie sie bei den hadith vorkommen, so bleibt tatsaechlich nur ein zweifelhaft.
all das soll jetzt nicht zu der annahme verleiten, ich wuerde die bibel ablehnen. Gott bewahre. ich lese ja selbst manchmal darin und finde immer wieder die eine oder andere erquickende geschichte. ich glaube auch fest, dass wahrheit in diesem buch steckt. nur, wenn es zweifel gibt im vergleich bibel : Koran, dann hat der Koran eher recht, bzw. man muss sich genau ueberlegen, was der Koran hier wirklich aussagen will.
>Siehst Du das nicht auch so, dass dann jeder Vers verständlich wird, weil im Koran immer wieder Bezug auf die vorangegangenen Schriften genommen wird. Als ganzes betrachtet geht es doch immer um die Erinnerung an das vorangegangene.
es geht einerseits immer um die erinnerung und andererseits gibt es auch oft ergaenzungen. nimm z.b. jesus (a.s.) und die juden. eine der aufgaben von jesus (a.s.) war, den juden etwas zu erlauben, was ihnen scheinbar verboten war: die arbeit auf einem sonnabend (wie man weiss, heilte jesus an einem sabbath, was man ihn zum vorwurf machte). das ist der bibel zu entnehmen. und im Koran steht gar, dass er ihnen einiges zu essen erlaubte, was zuvor untersagt war.
genau genommen unterscheidet der islam verschiedene typen von propheten: die, welche zu einem vorhandenen gesetz rufen. sie erinnern die menschen an die botschaften Gottes. und dann gibt es welche, die ein neues gesetz einem "gottlosen" volk ueberbringen. zur zweiten sorte gehoeren moses (a.s.) und muhammed (s.a.s.). zur ersten gehoeren johannes der taeufer (a.s.), jesaja (a.s.), usw.
>es gibt aber auch den anderen islam, den inneren, und das ist das eigentliche ziel. es ist die religion von der du auch oft andeutungsweise sprichst, dessen existenz dir also klar ist, auch wenn die einzelheiten noch zu finden sind.
>Von welchem Islam sprichst Du hier?
der innere islam, der sich im gegensatz zur legalistischen auspraegung mit der verinnerlichung des glaubens beschaeftigt, wird meist sufismus genannt. aus deiner untenstehenden anfrage schliesse ich, dass du davon gehoert hast :-)
>In jener Zeit, als Mohammed die Aufgabe bekam „Frieden zu schaffen“ und sich anzustrengen, Gottes Erbe zu retten, war noch keine Rede vom Islam als Marke. Mit Religion war doch damals gemeint, dass man den „Frieden“ als Religion in einer zerstrittenen Welt annimmt. So war z.B. die Kirche zerstritten um die Frage der Dreieinigkeit usw.
nun, zur zeit muhammeds (s.a.s.) sprach man wohl eher von der "religion Gottes" oder auch "religion des einen Gottes" oder so. und stimmt, es war keine marke, man wollte sich nicht abgrenzen. man verstand diese religion im allgemeinen als natuerliche fortfuehrung des natuerlichen monotheismus. das neue zu dieser zeit war eben dieser prophet fuer diese menschen in dieser wueste. alles andere blieb ja tatsaechlich (fast) gleich.
>….., da muhammed abu bakr empfahl und dieser dann auch - wenn auch nicht demokratisch nach heutigem massstab - gewaehlt wurde.
>Warum kennt man in Geschichtsbüchern nur die Aussage, dass Mohammed keinen Nachfolger gewählt hatte? Hast Du da nähere Informationen? Es hätte doch gar keinen Streit um seine Nachfolge gegeben, wenn das so gewesen wäre?
nun, der streit kam daher, dass es keine direkte nachfolgeernennung seitens des propheten (s.a.s.) gab. ich persoenlich schliesse daraus, dass er keine monarchische oder sonstwie diktatorische nachfolgepraxis einfuehren wollte. er gab lediglich eine empfehlung ab. dies geschah uebrigens erst kurz vor seinem tod, als er nicht mehr in der lage war, das gebet zu leiten. da stellte sich dann 'umar hin und leitete es, was der prophet (s.a.s.) hoerte und ihm nicht gefiel. da sagte er "nein, ihn wollen die leute nicht. lasst abu bakr das gebet leiten."
auch gab es vorher eine prophezeiung, welche die reihenfolge der nachfolge andeutete und sich auch erfuellte.
>Kannst Du mir noch einmal erläutern, warum Mohammed Sunnite sein soll? Diese Bezeichnung gab es ja gar nicht?
es geht weniger um den begriff, sondern eher um das, was er aussagt. die sunna ist der inbegriff der lebensweise, den gewohnheiten und geboten des propheten (s.a.s.). gemaess Koran sollen wir uns an ihm ein beispiel nehmen und ihm nacheifern. jeder muslim, der der sunna folgt ist sunnit. da die sunna aber direkt auf den propheten (s.a.s.) zurueckgeht, ist er natuerlich der erste sunnit (in der von Gott "islam" genannten religion, die es zwar vorher auch schon gab, aber eben noch nicht in genau dieser auspraegung).
>ich verstehe dich vollkommen, lieber ahmet. du bist muslim, magst dich aber wegen der irren, die sich ebenfalls dazu zaehlen und den islam aber in den dreck ziehen mit ihren falschen ansichten, nicht dazu oeffentlich in der weise bekennen.
>Nein, das hast Du falsch verstanden.
dann entschuldige ich mich.
>Für mich sind Terroristen keine Muslime (Gottergebene), weil diese den Islam (Frieden) nicht so leben, wie es Gott uns offenbart hat.
ganz klar. einem hadith zufolge geht das dann ungefaehr so: macht jemand die shahada (spricht das glaubensbekenntnis), ist er muslim. das gegenteil wird erst von einer dem islam widersprechenden schweren und offenbaren suende bewiesen, wie z.b. ein terroristischer akt. die blosse vermutung oder indizien reichen nicht aus, um jemandem die religion abzusprechen. denn niemand ist in der lage, in das herz eines menschen zu schauen ausser Gott. und gerade das herz ist es, in der die religion lebt.
>Muslime müssen sich deshalb nicht dafür schämen.
du hast recht. wir muslime sind einfach nur verdammt sauer, dass solche ideoten sich den islam auf die fahnen schreiben und genau das dann von den medien vermittelt wird. es gibt nunmal menschen, die alles glauben, was in der glotze laeuft und denen dann den islam zu erklaeren, wenn sie mal fragen, faellt natuerlich schwer. du weisst, was hier in diesem forum schon fuer boese worte zu lesen waren und wie schwer es einem faellt, dabei ruhig zu bleiben.
>Ich stehe zu meiner Religion, die als Ewige Religion bekannt ist. Der Islam ist mir sympathisch, weil auch Mohammed den gleichen Glauben hatte, selbst wenn sich heute der Islam als eigene neue Religion darstellt. Und die alten Offenbahrungen Gottes nicht mehr akzeptieren.
nicht der islam ist es, der sich so darstellt. es sind einige muslime, die solches tun, die sich gerne als etwas besonderes waehnen und meinen, der islam, wie sie ihn verstehen, sei die einzig wahre religion. dabei sagt der Koran doch etwas ganz anderes.
was die alten offenbarungen betrifft, so haben muslime diese insofern zu akzeptieren, dass deren urspruenge goettlich sind. die heutigen auspraegungen aber sind, wie du schon sagtest, auf verschiedene weise menschlich beeinflusst. der islam blieb natuerlich auch nicht davon verschont, nur hat er mit seinem bis dato unveraendertem Koran die besten voraussetzungen vor solchen einfluessen beschuetzt zu sein.
und so solltest du verstehen, dass der islam, von dem ich rede, selbstverstaendlich der urspruengliche, der von muhammed (s.a.s.) gelebte und erklaerte, ist. aber so verstehen es eben (fast) alle sunniten, die sich bemuehen der sunna zu folgen.
>nur selten werde ich ueberrascht durch fragen wie neulich bei einem freund: "warum bist du denn kein sufi?" das ist dann doch etwas komplizierter, nicht wahr?
>Wenn Du eine Antwort darauf hast, so würde mich die auch interessieren.
Unser erhabener Lehrer sagte, als er nach der Bedeutung von Tasawwuf (Sufismus)gefragt wurde: „Ein jeder definierte es entsprechend seiner Erfahrung und seiner Zeit. Schâh Naqschband sagte – möge Allah sein Geheimnis heiligen: ‚Unser Weg ist Zusammenkunft und das Gute liegt in der Gemeinschaft!’ Unser Meister Abû Yazîd al-Bistâmî sagte: ‚Es besteht darin, Widrigkeiten zu ertragen!’ Unser erhabener Meister, Maulânâ Scheikh,`Abd Allah ad-Daghastânî – möge Allah sein Geheimnis heiligen – sagte: ‚Es besteht darin, seinen Zorn hinter sich zu lassen!’ und in Bezug auf den Anfänger sagte er auch: ‚Es besteht darin das ‚Warum?’ gegenüber seinem Meister aufzugeben!’“
[...]
Maulânâ, so berichtete einer meiner Reisegefährten, definierte Tasawwuf einmal bei einer anderen Gelegenheit als: „Fuß im Schuh“. Das heißt, ein jedes Ding in völliger Demut und Einfachheit an genau den ihm gebührenden Platz zu stellen.
Und in diesem Zusammenhang definierte Maulânâ Ungerechtigkeit als: „eine Sache an einen anderen als den ihr gebührenden Platz zu stellen.“
Demnach beinhaltet Tasawwuf den eigentlichen Kern und die höchste Stufe von Gerechtigkeit.
(quelle: http://www.naqschbandi.de/wasistsufismus.htm)
verstehst du? ich bin noch zu jung und zu einzelgaengerisch. ich bin noch nicht bereit das "warum?" aufzugeben. und vor allem: es gibt nur wenige wirkliche meister, die einem auf dem weg weiterhelfen koennen. und ich habe bisher auch noch niemanden kennengelernt. ich kann zwar jeden tag selber ein bisschen mehr daran ueben, doch sind es letztlich die kleinen taeglichen pflichten, die mich schnell wieder ablenken. es ist ja nicht so, dass ich ganz und garnicht sufi waere. ein kleiner teil in mir ist es schon. ich bin ja auch der meinung, dass die religioesen pflichten des islam nur eine einleitende vorstufe auf den sufismus sind. aber ich glaube, sowas sagte ich schon
frieden.
nour iman